Blätterst du noch oder scrollst du schon? So verändert die Digitalisierung den Journalismus

Morgens, 7 Uhr: Der erste Gang führt an den Briefkasten, wo die Tageszeitung fein säuberlich gefaltet bereits darauf wartet aufgefaltet und gelesen zu werden. Auf dem Frühstücktisch, neben Kaffeetasse und Brot, breiten sich dann die Nachrichten des Tages aus und die erste Diskussion darüber, wer welchen Rubrikteil zuerst bekommt, beginnt. Diese morgendliche Routine ist vor allem noch der Generation bekannt, die mit der Printzeitung aufgewachsen ist. Nach und nach verblasst dieses Bild jedoch und weicht einem anderen Ablauf. Der Gang zum Briefkasten wird überflüssig, denn die Zeitung ist mittlerweile als E-Paper verfügbar oder online abrufbar. Und nach und nach ersetzen Smartphone oder Tablet die Zeitung aus Papier. Auch Ort und Zeit der Lektüre sind schon lange nicht mehr auf morgens und den Frühstückstisch begrenzt. Vielmehr werden Nachrichten auch vermehrt unterwegs aufgenommen, beispielsweise beim Warten auf den Bus oder zwischen zwei Terminen. Und auch der Streit um einzelne Rubrikteile gehört der Vergangenheit an, denn durch das Internet und Smartphone trägt jeder die Zeitung sozusagen in der Hosentasche und kann einen Artikel genau dann lesen, wenn er gerade Zeit dazu hat.

Journalismus neu denken

Diese Veränderungen, wie und wann Menschen Nachrichten aufnehmen, sie lesen und verarbeiten, fordern die Tageszeitungen heraus, den bisherigen Journalismus neu zu denken. Denn die Digitalisierung bringt nicht nur die digitale Tageszeitung in Form von Online-Artikeln und E-Paper mit sich, sondern sie verändert den Journalismus insbesondere inhaltlich, aber auch im stilistischen Bereich. Matthias Kiechle, Geschäftsführer der MediaFavoriten, hat uns erzählt, wie der Südkurier sich für die digitale Zeit wappnet und es schafft, mit diesen neuen Herausforderungen umzugehen und innovativ zu denken, um als regionales Medium attraktiv zu bleiben.

Der erste notwendige Schritt war, laut Matthias Kiechle, neue Zielgruppen zu identifizieren. Dass die Abonnenten der Printzeitung weniger werden, ist schon lange kein Geheimnis mehr. Vielmehr verbringen die Menschen heutzutage einen Großteil ihrer Zeit online und mit digitalen Medien. Also war die Ambition, die Menschen genau dort, im Digitalen, abzuholen, um sie weiterhin zu erreichen und mit aktuellen News zu versorgen. Doch wofür interessieren sich die Leser eigentlich am meisten? Welche News und Geschichten werden oft geklickt? Wie viel Zeit investieren sie durchschnittlich in das Lesen eines Artikels und welche Auswirkungen haben eingebettete Bilder auf den Lesefluss? Fragen, die sich dank der heutigen digitalen Möglichkeiten alle beantworten lassen.

Der Datenanalyst im Redaktionsteam

„Mithilfe von Datenanalysten haben wir bereits vorliegende Daten zum Leben erweckt und einen Artikel-Score entwickelt, aus dem wir ableiten können, wie ein Artikel beim Leser ankommt, worauf dieser Wert legt und welche Themen er interessant findet“, erklärt Matthias Kiechle. Dass eine Tageszeitung inmitten des Redaktionsteams einen Datenanalysten sitzen hat, spiegelt die neue und innovative Herangehensweise mehr als deutlich wider. Hier wird in sinnvoller Weise adaptiert, was in Digitalen Geschäftsmodellen als „Daten sind das neue Gold“ bezeichnet wird. Die Ergebnisse, die dabei herauskommen, werden genutzt, um die redaktionellen Beiträge so weiterzuentwickeln, dass sie zu den Interessen und Erwartungen der neuen Zielgruppe passen. „Viele Veränderungen sind nicht sofort wahrnehmbar, sodass sie dem Leser zunächst gar nicht auffallen.“

Aber was hat sich denn konkret geändert? „Zum einen verfolgen wir jetzt den Ansatz der visual story, das ist eine neue Art, Inhalte zu transportieren und ist angelegt an die Art und Weise, wie auf WhatsApp Informationen vermittelt werden.“ Das hat aber nichts mit vielen Emoticons zu tun, sondern damit, dass Bild, Text und Video ineinander übergehen. Ein Textbaustein wird durch ein Bild visuell unterstrichen, dann folgt wieder Text. Dieser Bild-Text-Bild-Text-Aufbau eines Artikels hilft dem Leser dabei, Zusammenhänge herzustellen und das Gelesene leichter zu verarbeiten. Und was lässt sich mithilfe einer Datenauswertung noch feststellen? „Dass Geschichten mit einem regionalen Bezug häufiger gelesen und geklickt werden“, so Matthias Kiechle. Und deshalb wird auch hierauf ein stärkerer Fokus gelegt. Auch der Schreibstil spielt eine wesentliche Rolle dabei, ob ein Artikel gelesen wird. „Wir merken, dass ein persönlicher Schreibstil bei den Lesern gut ankommt. Das baut eine Nähe zum Redakteur auf.“ Gibt es da nicht Probleme mit der von Journalisten geforderten Neutralität? „Der Absender muss klar erkennbar sein und nicht jedes Thema bietet sich an, um daraus eine Geschichte aus der Ich-Perspektive zu machen. Damit bleibt die Neutralität gewahrt. Aber die Grenzen vermischen sich zunehmend.“

„Wir leisten so etwas wie Pionierarbeit“

Der Leser hat also Einfluss darauf, wie Geschichten geschrieben und aufbereitet werden. Birgt das nicht auf Gefahren? Hat der Leser nicht irgendwann zu viel Macht und hat die Entscheidungsgewalt darüber, was der Journalist schreibt? „Es geht darum, den Leser einzubinden und auf seine Bedürfnisse einzugehen, also kundenorientiert zu denken. Natürlich bekommt man dadurch viele Impulse, die man filtern muss. Nicht alles, was der Kunde anmerkt, wird direkt aufgenommen und umgesetzt. Die Möglichkeit, mit dem Kunden in Austausch zu gehen und das Nutzerinteresse abgebildet zu bekommen, ist aber generell ein Mehrwert für eine Tageszeitung. Artikel werden mit einem Punktesystem bewertet, dabei spielen unterschiedliche Kategorien eine Rolle, wie beispielsweise die Klickzahl, die Reichweite, aber auch die Interaktivität. Das gibt dem Artikel eine Wertschätzung, indem darüber gesprochen wird und dadurch sichtbar wird, dass das Thema auf Interesse stößt.“ Das sind Veränderungen, die den Redakteur in seiner Arbeit beeinflussen und auf die man sich als Unternehmen einlassen muss. Wie geht man es an, ein gesamtes Unternehmen zum Umdenken zu bringen? „Dieser Weg ist mit viel Beharrlichkeit und Durchhaltevermögen verbunden. Man muss Überzeugungsarbeit leisten, dass in der Weiterentwicklung des traditionellen Journalismus die einzigartige Möglichkeit liegt, etwas Neues zu erschaffen. Und dass wir dabei sein können, wenn wir wollen und damit so etwas wie Pionierarbeit leisten.“