„Man muss früh genug die Reißleine ziehen“ – warum man sich als Gründer manchmal von seiner Idee verabschieden muss

15. August 2018 | | 4 Minuten Lesezeit

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Ein Innenhof inmitten von Konstanz: wo sonst in den Sommermonaten Kinofilme über die Leinwand flimmern oder Tanzmusik aus den Boxen dröhnt, stehen an diesem Abend drei Menschen, um ihre Geschichte zu erzählen. Es sind nicht irgendwelche Erzählungen oder Gute-Nacht-Geschichten, die hier zum Besten gegeben werden, sondern drei ganz persönliche und individuelle Erfahrungen des Scheiterns, die zeigen: Es gibt die unterschiedlichsten Gründe dafür, dass eine Idee oder ein Geschäft nicht funktioniert. Manchmal ist das Scheitern selbst verursacht, manchmal passiert es aus Naivität und manchmal ist es einfach nur Pech. Doch letztendlich kann man aus solchen Fehlern lernen und getreu dem Motto „Man lernt nie aus“ wieder aufstehen und weitermachen.

Bild: cyberLAGO-Vorstandsvorsitzender Andreas Owen, Ralf Walther, Moritz Meidert, Björn Gross, Guido Sondern, cyberLAGO-Geschäftsführer Tobias Fauth

 

„Es ist wichtig, das Thema Scheitern aus der Tabuzone zu holen und es öffentlich anzusprechen. Nur so kann sich eine Gründerkultur etablieren, zu der das Scheitern gehören darf“, so Tobias Fauth, Geschäftsführer des digitalen Kompetenznetzwerks cyberLAGO. Zusammen mit den Partnern, der Kantine Konstanz, dem Zebra Kino, dem Technologiezentrum Konstanz und der Startup-Initiative kilometer 1, veranstaltete cyberLAGO am 25. Juli die Fuckup Night Konstanz Vol. III unter freiem Himmel im Innenhof des Neuwerk Konstanz. Das Experiment Open Air sollte gutgehen – eine laue Sommernacht erwartete die über 100 Zuhörer und die drei Speaker. In gemütlicher und entspannter Sommerurlaubsatmosphäre erzählten Moritz Meidert, Ralf Walther und Björn Gross, wie und woran sie gescheitert waren.

 

Der richtige Geschäftspartner

Direkt nach seinem Studium gründete Moritz Meidert zum ersten Mal ein Unternehmen und gab rückblickend zu bedenken: „Ich hätte mehr auf meine Frau hören sollen. Sie hat ein gutes Bauchgefühl, was Geschäftspartner angeht. Ich habe mir damals nämlich den falschen Geschäftspartner ausgesucht.“ Dann stand Moritz im Alter von 28 Jahren plötzlich mit Schulden in Höhe von einer viertel Million da. Was lief schief? „Mein Geschäftspartner und ich hatten beide Zugang zu einem gemeinsamen Konto. Leider auch seine Frau, die ihre Depressionen mit unserer Kreditkarte beglichen hat. Und plötzlich ist da kein Geld mehr – und das Vertrauen ausgenutzt und missbraucht.“ Doch Moritz lässt sich von dieser Erfahrung nicht von seinem Weg, ein Unternehmen zu gründen, abbringen und wagt den Schritt erneut. „Zum Entsetzen meiner Eltern und meiner Frau habe ich noch während der Vergleichsverhandlungen mit der Bank ein neues Unternehmen gegründet.“

Der Unterschied? „Meine zukünftigen Geschäftspartner müssen sich bei meiner Frau vorstellen.“ Mittlerweile ist Moritz CEO des Gründerschiffs und berät junge Gründer. Scheitern und Gründen gehören für ihn einfach zusammen, wichtig sei aber, dass man wieder aufstehe und auch einen anderen Weg ausprobiere, wenn sich der ursprüngliche nicht bewährte habe. Welche Tipps hat er für die richtige Wahl des Partners? „Das Wichtigste an einem Geschäftspartner ist, dass man sich auf ihn verlassen kann. Es muss einfach ein ‚gscheiter‘ Mann oder eine ‚gscheite‘ Frau sein. Und das Bauchgefühl muss stimmen.“

 

Ein Produkt ohne Markt

„Wir haben die Kurve zwar noch gekriegt, aber es hat weh getan“, mit diesem Satz leitete Ralf Walther seine Fuckup-Story ein. Die Geschichte eines tollen Produkts, von dem alle überzeugt waren, für das es aber keinen Markt gab. Was folgte, war eine harte Bruchlandung. Die Idee: Auf Basis einer automatisierten E-Mail-Analyse ein rentables Unternehmensmodell etablieren. „Wir haben das Ganze E-Dur genannt und waren überzeugt von unserem Produkt – in technischer Hinsicht. Das Problem: Wir alle waren Techniker, kein Wunder fanden wir das Produkt deshalb klasse. Was uns gefehlt hat, war die andere Sicht: Wir hatten keinen einzigen Vertriebler im Team.“ Dass den vier jungen Gründern dieser Umstand das Genick brechen sollte, ahnten sie anfangs noch nicht. Sie waren begeistert von ihrem Produkt, vor allem von der technischen Umsetzung. Doch das reichte für ein rentables Geschäft nicht aus. „Ein Produkt ist kein Produkt, wenn es sich nicht verkaufen lässt. Das bedeutet, wir mussten anfangen, das Produkt an den Mann zu kriegen.“ Unzählige Messebesuche und Vorstellungen bei Kunden standen auf dem Plan. Doch die Vermarktung lief schleppend bis überhaupt nicht. „Wir haben versucht, einen Markt aufzureißen, den es einfach nicht gab.“ Es gab kaum Abnehmer und machte noch weniger Umsatz, dafür kam der Schuldnerberater und gab dem jungen Unternehmen noch maximal zwei Monate. „Das war am bittersten, wir mussten Leute entlassen und eigentlich hatten alle Lust darauf, dieses Produkt vorwärts zu bringen. Aber es hat einfach nicht funktioniert, wir mussten die Reißleine ziehen, bevor es zu spät war.“

Was Ralf aus dieser Erfahrung für sein heutiges Unternehmen mitnimmt? „Du musst dich bei der Entwicklung einer Produktidee immer fragen: Wem schreibe ich später die Rechnung dafür, wer zahlt es und wann? Und außerdem: Gibt es einen Markt und an welchem Punkt stehen die Konkurrenten bei der Entwicklung? Wir waren so geblendet von unserem Produkt und so überzeugt von unserer Idee, dass wir diese Tatsachen nicht gesehen haben oder nicht sehen wollten. Aber an einem gewissen Punkt muss man einfach akzeptieren, wenn die eigene Idee nicht gut genug ist und nicht funktionieren wird.“

 

Erfolgreich und doch gescheitert

Wie wichtig ein sozial stabiles Umfeld und eine gesunde Balance von Beruf und Privatleben für den beruflichen Erfolg sind, musste Björn Gross feststellen. Als Unternehmensberater in der Schweiz war er äußerst erfolgreich: „Ich habe meinen Job sehr, sehr geliebt, aber ich war fremdgeleitet durch meinen Erfolg.“ Für ihn bedeutet die Arbeit alles, selbst während eines Krankenhausaufenthalts und trotz Krankschreibung arbeitete Björn weiter. Pause und Erholung standen nicht auf seinem Arbeitsplan. Während Björn beruflich auf der Erfolgsspur fuhr, ging sein Privatleben in die komplett andere Richtung. „Ich habe mich selbst nicht wiedererkannt, sozusagen meine komplette Persönlichkeit verloren. Ich war nur noch getrieben vom beruflichen Erfolg.“ Sein Arzt stellte dann eine beginnende CRPS (eine chronisch, neurologische Erkrankung, bei der länger anhaltende Schmerzen an Füßen und Händen auftreten) fest und öffnete Björn damit die Augen: „Wenn dein Arzt dir irgendwann sagt, dass du entweder jetzt die Reißleine ziehen musst oder du sonst in ein paar Wochen auf einem Hochhaus stehen und nach unten schauen wirst, dann ist einfach der Punkt da, wo sich etwas ändern muss.“

Björn nahm also Abschied von seinem geliebten Job, auch seine Ehe ging in die Brüche. Danach folgten zwei Jahre Auszeit auf Reisen: „Wenn du dich wirklich kennenlernen willst, dann gehe alleine reisen.“ Björn besann sich in dieser Auszeit auf sich selbst und fand heraus, was ihm wichtig war und worauf er achten musste. Was macht er heute anders? „Man muss sich loslösen von diesem Drang, immer alles zu bewerten und zu beurteilen und viel öfter auf sich und seine innere Stimme hören, um herauszufinden, was einem wirklich guttut.“ Björn ist nach wie vor Unternehmensberater, aber mit einem ganz anderen Mindset: „Ich stelle den Menschen in den Mittelpunkt.“

Am Ende gab es für alle Speaker wieder den „goldenen Pömpel“: als Dankeschön für das Teilen ihrer Geschichten und für den nächsten Griff ins Klo.

cyberHR