Formigas entwickelt Smartphone-App „ShoeFitter“ für den Schuhkauf

Onlineshopping zählt zu den Lieblingsbeschäftigungen der Deutschen. Doch der Schuhkauf im Internet ist oftmals ein wahrer Hürdenlauf. Lästige Retouren aufgrund falscher Größen sind an der Tagesordnung. Das ist nicht nur nervig, sondern belastet auch die Umwelt erheblich. Hinzukommt, dass Retouren ein enormer Kostentreiber für den Versandhandel sind. Mit ShoeFitter, einer neuen, auf modernster Infrarottechnologie basierenden Smartphone-App, finden Onlinekunden auf Anhieb zum passenden Schuh – ein Großteil der Retouren gehört damit der Vergangenheit an. ShoeFitter ist das neueste Eigenprodukt von Formigas, Digital- und Innovationsagentur aus Konstanz und cyberLAGO-Mitglied. Wir haben mit Jens Hensler, Geschäftsführer von Formigas, über ShoeFitter gesprochen. 

ShoeFitter Jens

Jeder kennt das Problem: Mal sind die Sandalen in der gewohnten Größe zu groß, mal die Sneaker zu klein. Die passenden Schuhe zu finden gleicht mitunter einem Lotteriespiel. „Das liegt vor allem daran, dass Schuhgrößen keiner einheitlichen Norm unterliegen“, erklärt Geschäftsführer Jens Hensler. „So unterscheiden sich die Skalen nicht nur von Land zu Land, sondern häufig auch zwischen den Herstellern.“ Außerdem gibt es auch bei der Umrechnung der unterschiedlichen Skalen keine einheitliche Vorgehensweise: Einige Hersteller runden auf, andere ab. Nur ein Abgleich von individueller Fußgröße und -form mit den konkreten Innenmaßen eines Schuhs kann verlässlich Auskunft über dessen Passgenauigkeit geben. Und genau da setzt Formigas mit ihrem neuen Produkt an: Durch Nutzung moderner Scantechnologie lässt sich mit ShoeFitter ein millimetergenaues 3D-Modell des eigenen Fußes erstellen. Ganz einfach per Smartphone-App vom heimischen Sofa aus. Dieses Modell wird anschließend mit den Innenmaßen des gewünschten Schuhs verglichen und eine Größenempfehlung ausgesprochen.

Die Technologie hinter ShoeFitter

ShoeFitter nutzt den Infrarotsensor, der bereits in vielen neuen Smartphones verbaut ist. In Apple iPhones (ab X) wird diese Technologie beispielsweise für Face-ID verwendet. Mithilfe des Infrarotsensors haben die Entwickler von ShoeFitter einen Weg gefunden, detaillierte Tiefeninformationen zu genieren und diese anschließend zu einem dreidimensionalen Modell des Fußes zu verarbeiten. Algorithmen ermöglichen daraufhin den Abgleich mit einer großen Schuhdatenbank und die Empfehlung des individuell optimalen Schuhs. Auch außergewöhnliche Fußformen können hierbei berücksichtigt werden.

Weniger Retouren für mehr Nachhaltigkeit

Was haben passende Schuhe mit Umweltschutz zu tun? Unerwartet viel! Denn mehr als 60 Prozent der retournierten Onlineschuhkäufe werden durch die Wahl der falschen Größe verursacht. Eine Verringerung der größenbedingten Schuhretouren spart eine große Menge Verpackungsmüll und CO2-Emissionen. Man geht davon aus, dass rund drei Prozent der Rücksendungen sogar ungetragen vernichtet werden, da eine erneute Verpackung zu aufwändig wäre. Passend zu kaufen, schont somit nicht nur die eigenen Nerven, sondern auch die Umwelt. Und auch wer langfristig seine Schuhe zu fairen Preisen einkaufen möchte, profitiert. „Retouren zählen zu den größten Kostentreibern, welche die Rendite auf Unternehmensseite verringern und Produkte für den Kunden langfristig teurer werden lassen“, verdeutlicht Jens Hensler. Sie kosten den Handel allein in Deutschland jedes Jahr ca. 325 Millionen Euro. Dementsprechend groß ist sowohl bei Herstellern als auch Händlern das Interesse an ShoeFitter. Das Team von Formigas ist aktuell mit einigen Marken im Gespräch, die den Service in ihren Onlineshops integrieren möchten.

 

Wir wollten es noch genauer wissen und haben bei Jens Hensler nachgefragt:

Wie und wann entstand die Idee zu ShoeFitter?
ShoeFitter entstand bei den ChaosDays 2018. Die ChoasDays ist unser Hackathon, bei dem wir drei Tage an neuen Ideen tüfteln und Produkt-Prototypen bauen. Bei den ChaosDays 2018 haben wir noch eine anderen Idee verfolg: Golfity – eine digitale Lösung zum Ermitteln des optimalen Putts beim Golfen. Mit dem Smartphone haben wir das “Grün gelesen” und dann den besten Putt per Augmented Reality vorgeschlagen. Dabei hat sich herausgestellt, dass die AR-Technik für 3D-Daten noch nicht ganz ausgereift ist und das Projekt beerdigt werden musste. Gleichzeitig ist uns aber aufgefallen, dass die 3D-Daten von dem Infrarotsensor der neuen iPhones herausragend sind. Der Infrarotsensor ist in der Frontkamera integriert, kann allerdings nur Objekte messen, die nicht mehr als 1 m entfernt sind. Also haben wir uns auf die Suche nach einem UseCase gemacht, der aus finanzieller und ökologischer Betrachtung mehrwertig ist. Der Schuh-Onlinehandel war da ideal. Deshalb haben wir Golfity kurzerhand zu ShoeFitter umgebaut.

 

Was waren/sind die größten Herausforderungen bei der (technischen) Umsetzung?
Unsere größte Herausforderung aktuell ist einen Partner zu finden, der uns seine Schuh-Daten (3D Modelle / Schuhleisten) und Expertise zur Verfügung stellt. Wir sind bereits in Gesprächen mit mehreren größeren Herstellern, die unser Tool in ihr Shopsystem integrieren möchten. Mit unserem Dashboard können wir unseren Partner direkt zeigen um wieviel Prozent ihre Retouren zurückgegangen sind.

 

Ist die Technologie, die ihr für ShoeFitter einsetzt, auch für andere Produkte denkbar?
Wir nutzen noch die FaceID (Frontkamera) für ShoeFitter. Laut diversen Quellen im Internet integriert Apple im nächsten iPhone einen Time of Flight / Tiefensensor auf der Rückseite des iPhones. Ab diesem Zeitpunkt wird es keine Einschränkung in der Entfernung der Objekte mehr geben und viele neue spannende digitale Produkte ermöglichen: Bekleidung, Ausmessen von Räumen, Trainer für Golfen, Vermessen von Unfallschäden für Versicherungen, 3D-Drucken individueller Brillen etc.

 

Wenn der Onlinehandel nach und nach alle Vorteile des stationären Handels (Anprobe, Passgenauigkeit, Auswahl, 3D-Ansicht) abdecken kann, was bedeutet das dann für den stationären Handel? Kann der stationäre Handel die Möglichkeiten des Onlinehandels für sich nutzen? Wie kann ShoeFitter im stationären Handel eingesetzt werden?
ShoeFitter kann auch im stationären Handel helfen: z.B. fällt es Eltern immer schwer Kinderschuhe zu finden. Besonders in dem Alter in dem die Kinder noch nicht wissen, was ein passender Schuh ist und wie dieser sich anfühlt. Zusätzlich kann ShoeFitter auch im Handel klassische Fehlkäufe vorbeugen. Gerade hinsichtlich besonderer Fußformen oder etwaiger Fehlstellungen können unsere Algorithmen wichtige Hinweise geben, die nicht augenscheinlich sind, dank ShoeFitter aber vom Verkäufer oder vom Käufer selbst aufgegriffen werden können. Wir wünschen uns, dass Kunden durch ShoeFitter passende Schuhe finden, egal ob online oder im Laden. Vergleicht man die Absatzzahlen, stellt man schnell fest, dass der schnelle Schuhkauf bereits online stattfindet – trotz der bekannten Hürden. Wie alle Dienstleistungsbereiche, wird sicherlich auch der stationäre Handel von digitalen Lösungen beeinflusst werden. Wir vermuten, dass er sich zu einer professionellen Beratung entwickeln wird – und liefern mit ShoeFitter ein Tool für eine fundierte Beratung.