Einmal um den See, bitte: Was bei CROSSING FORWARD entstanden ist
15. Oktober 2026 | News | 4 Minuten Lesezeit
Neun Themen am Morgen, sieben Ergebnisse am Abend: Bei CROSSING FORWARD haben am 2. Oktober 2026 gemischte Teams aus Deutschland, Österreich und der Schweiz einen Tag lang an der Mobilität rund um den Bodensee gearbeitet. Herausgekommen sind ein Web-App-Prototyp, ein Plan für elektrische Fähren, ein Aktionstag für bessere Gehwege und vier weitere Ansätze, an denen es jetzt weitergehen kann.
Der Tag in der IHK Hochrhein-Bodensee in Konstanz begann mit Pitches. Acht Themen waren vorab eingereicht worden, eines kam spontan am Morgen dazu. Mitgebracht hatten sie Verkehrsunternehmen, Tourismus, Hochschule, Startups und ein Verein, der sich für Fußgänger einsetzt. Danach fanden sich die Teams nach Interesse zusammen, und drei Themen lagen so nah beieinander, dass sie in einem Team zusammengelegt wurden.
CROSSING FORWARD ist eine gemeinsame Veranstaltung von cyberLAGO, dem IST Institut und der HTWG Konstanz im Rahmen des Sustainable Mobility Lab und bewusst als Arbeitsformat angelegt: keine Vorträge, sondern ein Tag, an dem Entscheider, Fachleute und kreative Köpfe an konkreten Fragen arbeiten und mit nächsten Schritten nach Hause gehen. Was dabei herauskam, zeigen die sieben Ergebnisse.
Wenn selbst Ortskundige keine Verbindung finden
Wer mit Bus, Bahn, Schiff und Fähre einmal um den Bodensee will, findet keine App, die die ganze Strecke über alle Verkehrsverbünde hinweg anzeigt. Die Bodensee-Vorarlberg Tourismus GmbH fragte, wie Tagesausflügler besser an ihr Ziel kommen, und die 4 Länder Mobil GmbH, warum im Pendlerverkehr mit der Schweiz noch zu wenige Menschen den ÖV nutzen.
Das gemeinsame Team machte zuerst einen Selbstversuch: Jeder probierte mit dem eigenen Handy und den eigenen Apps, wie man um den See kommt. Das klappte nur halb. ChatGPT schickte einen Teilnehmer zum Beispiel von Lindau zur Mainau. Das Ticketing klammerte das Team für diesen Tag bewusst aus, es war schlicht zu komplex. Am Abend stand trotzdem ein Prototyp: „Bodensee grenzenlos“, eine Web-App mit Verbindungsauskunft, Vorschlägen für Tagesausflüge wie „Drei Länder an einem Tag“ und einer Seerunde, bei der man sieht, wo man aussteigen kann und ob zwei Stunden Mittagspause drin sind. Als Nächstes sollen lokale Tipps, auch aus Vorarlberg, mit der Fahrplanauskunft verknüpft werden. Und auch Gruppen mit Kind, Hund und Fahrrad sollen künftig mitgedacht werden. Die Erkenntnis des Teams: Die Lücke ist real.
Elektrische Fähren auf dem Bodensee
In Norwegen sind 85 elektrische Autofähren in Betrieb, auf dem Bodensee keine. Mit diesem Vergleich kam die HTWG Konstanz in den Tag. Das Team hat die Akteure kartiert, die an einer Entscheidung beteiligt wären, von Politik und Genehmigung über Schiffsbetriebe bis zur Finanzierung. Dabei zeigte sich: Die Entscheidung trifft zunächst ein einzelner Betrieb, der bei Netzanschlüssen und Finanzierung aber schnell an Grenzen stößt. Denn die großen Investitionen stecken vor allem in der Ladeinfrastruktur.
Drei Faktoren könnten das auch am Bodensee: gesicherte Hochleistungs-Netzanschlüsse in den Häfen, Förderung für Umrüstung und Hafeninfrastruktur und ein verlässlich günstiger Strompreis. Der Vorschlag des Teams ist ein Masterplan Hafenenergie Bodensee, angestoßen mit den Hochschulen der Region. An den Tisch gehören dabei auch andere Nutzer, die auf batterieelektrische Antriebe umstellen.
Gehwege gehen uns alle an
Zu Fuß gehen betrifft alle Menschen, aber nicht alle gleich. Ältere Menschen sind besonders oft zu Fuß unterwegs und besonders auf gute Wege angewiesen. Das Thema brachte FUSS e.V. ein. Das Team fragte sich, wie der Gehweg wieder zu dem werden kann, wofür er gedacht ist.Statt sich an die Stadtverwaltung zu wenden, setzt das Team auf die Nachbarschaft: einen Aktionstag mit Hindernisparcours. Wer mag, kommt mit Rollator, Rollstuhl, Kinderwagen oder Krücken an Mülleimern, Fahrrädern und E-Scootern vorbei und wird gefragt: „Was macht das mit dir?“ Dazu kommen ein Gehweg-Check mit Bürgern, Verwaltung und Presse sowie Sticker und Postkarten, damit das Thema hängen bleibt. Das kostet wenig, vor allem Engagement, und lässt sich auf andere Städte am See übertragen.
Erst die Menschen, dann die Organisation
Rund um den ÖV in der Vierländerregion gibt es viele gute Einzelinitiativen, aber wenig Vernetzung. Die 4 Länder Mobil GmbH wollte wissen, wie man alle zusammenbringt, die auf funktionierende grenzüberschreitende Mobilität angewiesen sind. Das Team überlegte zunächst, einen Verein zu gründen, und verwarf die Idee dann für den Anfang. Erst braucht es die kritische Masse.
Das Ergebnis ist eine Interessengemeinschaft ÖV Bodensee: zunächst mindestens zehn Menschen aus den vier Ländern, die sich regelmäßig zu Anschlüssen, Fahrgastinformation oder Tarifen austauschen. Sie bringen sich aus eigenem Antrieb ein, nicht als Vertreter ihrer Institution. Oder, wie das Team es auf den Punkt brachte: „Wer gründet und wer zündet?“
Dienstagmorgen, kurz nach sieben
So begann der Pitch von Avimo Dienstrad. Eine erfundene Figur namens Hannes muss 15 Kilometer zur Arbeit, in der Garage stehen Auto und E-Bike. Die App meldet 15 Grad, Sonne, mit dem Rad 32 Minuten, mit dem Auto 39. Hannes nimmt das Rad.
Dahinter steckt eine einfache Beobachtung: Ein Dienstrad wird nicht automatisch genutzt. Viele Apps zeigen erst am Abend, wie viele Kilometer man gefahren ist. Das Team will früher ansetzen, nämlich morgens, wenn die Entscheidung fällt. Die Lösung ist ein KI-basierter Mobilitätscoach, der Wetter, Verkehr und Route mit dem verbindet, was eine Person antreibt, etwa Fitness, Kosten oder die Challenge mit Kollegen. Als Nächstes soll ein erstes Produkt entstehen.
Rechnen, ohne Daten zu teilen
Wie viele Menschen zwischen Konstanz, Kreuzlingen und dem Thurgau über die Grenze pendeln und womit, weiß heute niemand genau. Die Daten gibt es, verteilt auf Verkehrsbetriebe, Parkhäuser, Arbeitgeber und Behörden in zwei Ländern, aber niemand darf sie zusammenlegen. Die Idee der Traconiq AG: die Antwort berechnen, ohne die Daten zusammenzulegen. Die Rohdaten bleiben bei denen, die sie haben. Entstanden ist ein Demo-Dashboard mit Beispieldaten. Es zeigt, welche Aussagen über das Grenzpendeln möglich wären, ohne dass eine Seite die Daten der anderen sieht.
Wer bucht eigentlich das Elektromobil?
Das neunte Thema kam erst am Morgen dazu, eingebracht von HMF Mobil und der HTWG Konstanz. Leihräder gibt es für viele, aber kaum für Menschen, die nicht mehr gut zu Fuß sind. Hintergrund ist eine Bachelorarbeit an der HTWG.
Das Team arbeitete mit drei Personas, darunter Wolfi, 89, der mit Kindern und Enkeln auf die Mainau möchte. Daraus entstand ein Konzept für Elektromobil-Sharing: feste Stationen wie beim Leihrad, Buchung mit Einweisung, Freigabe per einfachem Zahlencode. Die wichtigste Erkenntnis: Wer das Fahrzeug nutzt, bucht es oft nicht selbst. Häufig übernehmen das die Angehörigen. Offen ist noch, wo die Stationen stehen sollen.
Wie es weitergeht
Was aus den Ideen wird, entscheiden die Teams. Wer Unterstützung braucht, ob Workshop, Kontakte oder Hilfe bei der Finanzierung, kann sich an die Veranstalter und Partner wenden. Eine zweite Ausgabe von CROSSING FORWARD ist für April 2027 angepeilt.
Veranstaltet wurde CROSSING FORWARD von cyberLAGO, dem IST Institut und der HTWG Konstanz im Rahmen des Sustainable Mobility Lab, gemeinsam mit den Partnern IHK Hochrhein-Bodensee, Internationale Bodensee-Konferenz und MOVE+ Accelerator.





